Freitag, 20. April 2012

Neue Perspektive: Vom Ruecken eines Elefanten und durch die Augen meiner Besucher!


Nach einer langen Schreibpause wird es nun einmal wieder Zeit für einen weiteren Bericht!
In Trichy kehrte nach meinem Umzug sehr bald Alltag ein, denn der Tagesablauf war, wie im letzten Bericht erläutert, nun strukturiert. Abgesehen von den Englischstunden, die ich mit dem Erzählen von Märchen und Geschichten füllte, kamen für mich nach einer Überarbeitung des Stundenplans noch weitere Stunden hinzu: Ich fokussierte meine Arbeit auf das Fördern von top leven children, die aufgrund ihres schnellen Lernens im vom Auswendiglernen und im Chor sprechen geprägten Unterricht oft unterfordert waren. So hatte ich Gruppen von Dritt- und Viertklässlern sowie eine Stunde mit zwei Mädchen aus dem UKG, der höchsten Kindergartenklasse. Auf diese Stunde freute ich mich immer besonders, denn die beiden Kinder hatten so viel Spaß daran, mich zu sehen, mit mir zu reden und waren bei meinen spielerischen Lernübungen immer sehr eifrig bei der Sache. Am  Ende der Stunde ließen Marlena, die die Förderung von langsameren Kindern übernimmt, und ich unsere Gruppen zusammen spielen, besonders „Reise nach Jerusalem“ ist beliebt. Ab und zu mache ich auch Klavierstunden mit einem blinden Mädchen aus der 4. Klasse, die sich sehr über diese spezielle Zuwendung freut, denn im Unterricht kann sie kaum mitmachen und die Aufgaben in ihrem Schulbuch werden entweder von der Lehrerin oder der Sitznachbarin ausgefüllt, wovon sie selbst natürlich keinen Nutzen und noch weniger einen Lerneffekt hat – WIE etwas geschieht ist hier eher selten die Frage, solange das Ergebnis stimmt.
Zudem hat sich unser Schulchor etabliert, wir singen sowohl Lieder, die die Niederländerinnen den Kinder schon beigebracht hatten, als auch neues. Meist begleite ich auf dem Keyboard, bei Powercut muss ich auf die Gitarre zurückgreifen.
Allerdings war die lange Zeit seit meinem letzten Bericht nicht nur von Arbeitsalltag gefüllt: Ich hatte das große Glück, mich über diverse Besucher freuen zu dürfen! Der erste Besuch bestand aus meinem Bruder Konrad und Marlenas Freundin Hannah. Aufgeregt und gespannt holten wir die beiden vom Flughafen ab und hatten viel Freude an dem Déjà-Vu-Erlebnis des Gerade-Erst-Ankommens, was wir durch das Staunen und Nachfragen der beiden Gäste hatten. Erst zu dieser Zeit merkte ich, wie viel ich eigentlich schon über Indien wusste ohne dass ich es explizit gelernt hatte. Konrad und Hannah kamen zudem in den Genuss der Exhibition in unserer Schule, für die wir mit den Kindern geübt hatten. Es handelte sich um eine Ausstellung der kürzlich gelernten Inhalte, allerdings waren alle Erklärungen von den Schülern auswendig gelernt, so dass auf Nachfragen nicht geantwortet werden konnte und die kleinen Hefte und Modelle zu den verschiedenen Themen waren ausschließlich von den Lehrern angefertigt worden, wieder ein Beispiel für die indische Wichtigkeit des Scheins, die weit über der des Seins steht.
Überschneidend mit diesem Besuch kamen dann noch mein anderer Bruder und mein Cousin hinzu, so gab es einen fließenden Übergang und sogar eine kurze Zeit zu sechst, die wir zum Teil im Dorf verbrachten, wo man sich sehr freute, uns wiederzusehen und begeistert mit uns Brennball und Cricket spielte. Kurz nach Abreise der lieben Gäste, die netterweise auch nicht an Mitbringseln wie Süßigkeiten, deutschem Essen und Büchern sowie Pflegeartikeln gespart hatten, näherte sich auch schon der nächste Besuch: Meine besten Freunde Luise und Lioba, die ich 7 bzw. 14 Monate nicht gesehen hatte, kamen für einen Monat nach Indien! In dieser Zeit trafen Marlena und ich die beiden immer wenn es möglich war, unter der Woche arbeiteten wir und die Mädels guckten sich Südindien an. Auch an meinem 20. Geburtstag, dem 1. März waren die beiden dabei und ich hatte eine schöne Feier mit einigen Leuten in Pondicherry. Buchstäblich von der Indien-Sucht gepackt verlängerten die beiden ihren Aufenthalt noch um weitere zwei Wochen, so dass sie sogar meine Ende März anreisende Familie noch treffen konnten!
Direkt vor der Ankunft dieser war bei uns in der Schule Annual Day, also Jahrestag der Gründung. Ich führte mit Marlena und unserem Chor die einstudierten Stücke (If you're happy and you know it, Slap-Clap-Clap und Mango-Song) vor den Familien der Schüler und einigen offiziellen Gästen auf, alles kam gut an und besonders die kleinen Performances zu den Liedern mochten die Zuschauer. Dann fuhr ich direkt nach Chennai, um meine Lieben abzuholen. Nachdem ich also in der Luise-Lioba-Zeit gearbeitet hatte, nahm ich mir für die Zeit mit meinen Eltern und Schwestern frei. Wir bereisten in einem relativ spontanen, gut gefüllten aber trotzdem nicht zu anstrengenden Programm den indischen Süden, ich zeigte ihnen die mir bekannten Orte und mein Zuhause und sah auch vieles, was ich noch nicht kannte, wie zum Beispiel die unübertroffen schöne Landschaft der Backwaters in Kerala, die tamilische Stadt Madurai und den Ort Kumily in der Bergen, wo eine Elefantensafari auf dem Programm stand. Meine Eltern und Schwestern hielten sowohl die immer anstrengender werdende Hitze mit tagsüber bis zu 40°C als auch die zum Teil eben gewöhnungsbedürftigen und für deutsche Verhältnisse unkomfortablen Reiseverhältnisse sehr gut durch, gewöhnten sich schnell ein und hatten Spaß am Elefantenreiten, Bootfahren durch die Backwaters, Tempelbesichtigen, Schwimmen im Arabischen Meer, Essen probieren, tropisches Obst genießen und natürlich Stoffe kaufen und diese beim Schneider verarbeiten lassen. Der Schneider im Strandort Kovalam, der mich schon als gute Kundin kannte, ließ mich und meine Schwestern auch mal an seine Maschine, die der Erfolg und die Ergebnisse waren jedoch mäßig. Nach Abschluss der Rundreise durch Kerala kehrte ich mit ihnen nach Trichy zurück, um ihnen das Dorf zu zeigen und ihre bei mir abgestellten Gepäckstücke zu holen. Ich entschied mich gegen meinen ursprünglichen Plan, in Trichy zu bleiben, um die letzte zeit mit ihnen noch zu nutzen. Wir fuhren für einen Tag in den Strandort Mamallapuram, um dort noch einmal in die kleinen Läden gehen zu können und die Tempel zu bewundern. Beim schlendern durch eine der Tempelanlagen kam uns ein aufgeregter Spanier entgegen, der „Tsuami alerta!Tsunami alerta!“ rief, sofort aber weiter rannte. Wir wussten zunächst nicht, ob das ernstzunehmen war, bis ein Inder uns ansprach und sachlich erklärte, es habe bei Indonesien ein Seebeben in der Stärke 8,6 auf der Richterskala gegeben und der Ort Mamallapuram sei vom Frühwarnsystem auf die Tsunami-Gefahr hingewiesen worden. Ich wusste, dass der Ort sich an der Küste befand, an der 2004 nach einem Beben der gleichen Stärke tausende Menschen im Tsunami ihren Tod gefunden hatten, aber dass sich dieses Ereignis wiederholen sollte, wenn ich ausgerechnet dort und mit meiner Familie dort war, schockte mich sehr. Wir alle bekamen es mit der Angst zu tun und liefen zum Hotel, um unser Gepäck zu holen und unserem ersten Gedanken, der der Flucht landeinwärts galt, zu folgen. Die Busse waren allerdings überfüllt und Taxis bereits nicht mehr verfügbar. Da unser Hotel ein solider dreistöckiger Bau war und zudem immerhin 500 m von der Wasserkante entfernt, beschlossen wir dann, zu bleiben. Nervös warteten wir auf der Dachterrasse auf die Welle, die für 5 Uhr angekündigt war. Als nichts geschah, verkündete der Manager schließlich Entwarnung, aber immer noch war für die nächsten zwei Stunden Vorsicht geboten. Am nächsten Tag stand dann in der Zeitung, dass es neben dem ersten Seebeben noch mindestens 7 weitere, davon eins mit Stärke 8,2 auf der Richterskala, gegeben haben soll, dass aber aufgrund einer horizontalen, nicht wie 2004 einer vertikalen Plattenverschiebung keine größeren Wassermassen in Bewegung gesetzt wurden, Gott sei Dank!
Nach einem kurzen, nun wieder sicheren Strandspaziergang fuhren wir dann weiter nach Chennai. Dort verbrachten wir den letzten Tag, besorgten die letzten Mitbringsel und schließlich musste ich mich von meinen Lieben am Flughafen verabschieden, was trotz meiner nicht allzu langen verbleibenden Zeit unerwartet schwer fiel. Ich verbrachte den Tag allein in Chennai, bis Caro mit ihrer Familie, die am selben Tag abends abflog, eintraf. Caro und ich blieben das Wochenende in Chennai und genossen die dort möglichen Freizeitmöglichkeiten sowohl in einer Shopping Mall als auch im Kino, es lief Titanic in 3D, dann fuhren wir nach Trichy, Caro leistete mir eine Weile Gesellschaft, musste dann aber heim nach Thanjavur und jetzt sitze ich hier allein, denn Marlena ist mit zwei Besuchern in Goa, und schwitze, denn es ist mal wieder Powercut, und schreibe!
Nun werde ich erst einmal in Trichy bleiben, meine Chefin kündigte an, eine Englisch-Lernsoftware für die Kinder zu entwickelt, in welcher sie meine Stimme für die Hinweise und Anleitungen aufnehmen möchte. Im Mai werden dann Sommerferien sein, ich habe einen Flug nach Delhi und werde in den Genuss kommen, mir den indischen Norden genauer anzusehen.
Mittlerweile bin ich zwar gerne hier und fühle mich komplett zuhause, allerdings sind die Erinnerungen an Deutschland bereits so weit in die Ferne gerückt, dass ich mich nun auch schon sehr darauf freue, zurückzukehren, besonders, weil ich so viele Möglichkeiten, die ich hier nicht habe, in Deutschland dann umso mehr zu schätzen wissen werde.

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