Donnerstag, 26. April 2012

Alltaegliches, allzualltaegliches!

 Mangos kaufen im Obstladen an der Ecke.
 Mit den "internationally trained professionals" sind u.a. Marlena und ich gemeint!
 Der alltaegliche Schulweg durch mein Viertel, Kumaran Nagar.
 Entspannte Busfahrten hat man nur, wenn man einen Platz findet...
 Herumalbern muss auch mal sein -- mit Harish (5) und Rokeshwaran (6)!
Saeftepressen kann zwar eine Sauerei sein, macht aber auch viel Spass!

Kopfgewackel und Schwitzen bei Kerzenlicht


Um nicht immer nur chronologisch die Ereignisse in meiner Indien-Zeil aufzulisten, möchte ich in diesem Blogeintrag einmal mehr über die alltägliche Normalität, die Verhaltensweisen und die Zeichen- bzw. Körpersprache der Inder und über meine Freizeitmöglichkeiten und die daraus hervorgehende Freizeitgestaltung schreiben.
In Tamil Nadu ist es rund ums Jahr warm, es herrschen tropische Klimaverhältnisse, im Winter (Oktober bis Dezember) gehen die Temperaturen auf bis zu 20°C herunter, im Sommer, also jetzt (Ende April bis Juli) dagegen hat es tagsüber um die 40°C. Die Luft glüht förmlich, das Einatmen durch die Nase tut manchmal weh und die Augen trocknen schnell aus. Man muss unendlich viel trinken, um bei Kräften zu bleiben, aber das ist, angesichts der plötzlichen Durstattacken, in der man schon mal einen dreiviertel Liter auf einmal trinkt, keine Schwierigkeit. Da aber die Außentemperatur deutlich höher ist als die des Körpers versucht dieser, andauernd zu kühlen, man schwitzt also dauerhaft. Das ist aber eine Tatsache, an die man sich schnell gewöhnt. Die meisten Inder haben immer ein kleines Taschentuch dabei, welches sie zum Abwischen vom Schweiß im Gesicht benutzen. Frauen wischen sich und ihren Kindern aber auch oft den Schweiß mit ihrem Chudidhar-Schal oder dem Endstück ihres Sarees ab.
Die Powercuts (Stromausfälle), die nicht wegen einer Überlastung des Netzes oder einem technischen Problem auftreten, sondern von der Regierung als Stromsparmaßnahme beschlossen wurden, angeblich um die NGOs, die sich gegen den Bau eines neuen Atomkraftwerkes in Tamil Nadu aussprechen und dabei von westlichen Organisationen unterstützt werden, von der Notwendigkeit des neuen Werkes zu überzeugen und deren Zustimmung zu erzwingen, sind bei dieser Hitze nicht gerade eine Annehmlichkeit. Abgesehen davon, dass die ein wenig Kühle spendenden Ventilatoren bei Powercut ausfallen, geht auch der Kühlschrank aus, abends sitzt man zudem im Dunkeln und wenn dann der Wassertank leer ist, die strombetriebene Pumpe ausfällt und kein Wasser da ist und alle Elektrogeräte keinen Saft mehr haben, kann man nichts mehr machen. Weder die Kleidung waschen (was hier natürlich von Hand geschieht), noch lesen, Musik hören, schreiben, Kochen (Elektrokochplatte), Geige spielen, aufräumen (bei Kerzenlicht schlecht durchführbar), frische Früchte zu Smoothies verarbeiten (der Mixer ist ohne Strom auch tot) oder ins Internetcafe gehen, denn das hat bei Powercut auch zu. Man sitzt also schwitzend im Zimmer und wird sich bewusst, wie sehr man im alltäglichen Leben vom Zugriff auf Elektrizität abhängig ist.
Dass die Inder ein gelassenes Volk sein müssen, wenn sie das so hinnehmen, versteht sich mehr oder weniger von selbst. Das stundenlange Warten an irgendwelchen Kassen oder Verkaufsständen ist genau wie die Gleichgültigkeit, mit der die wohl zur Ausnutzung ihrer Stellung für eigene Zwecke neigenden Polizisten und -innen respektiert werden, obwohl sie einen x-mal irgendwo hinbestellen und jedes Mal gibt es ein anderes Problem, weshalb die erbetenen Papiere nicht ausgestellt werden können, dabei sehen die Büros aus wie bei mir unterm Sofa, ist für die Inder kein Problem. Auch wenn ein Bus stundenlang nicht los fährt regt sich ebenso wenig jemand auf, wie wenn einer bis zum letzten Quadratzentimeter vollgestopft ist. Vor einer Menge von diesen Gelassenheitsbeweisen ziehe ich den Hut und ich kann sagen, dass ich mich auch in diesem Punkt in den acht Monaten, die ich jetzt hier bin, ganz gut angepasst habe. Manchmal jedoch wundere ich mich über merkwürdige Lücken in der „Logik“ dieser Lebensweise: Alle haben immer viel Zeit, lassen mich auch mal ein oder zwei Stunden auf einen Termin warten, ich jedoch werde bei Nicht-Erscheinen zwei Minuten nach der verabredeten Zeit telefonisch kontaktiert und nach meinem Verbleiben gefragt. Alle haben immer Zeit, frage ich am Busstand jemanden, wo der Bus nach XY fährt, nimmt sich diese Person nicht selten einige Zeit, bis sie den Bus ausfindig gemacht hat und mich auf dem sicheren Weg weiß, ebenso gibt es den oben beschriebenen großzügigen Umgang mit Zeit, im Verkehr aber scheinen auf einmal Millisekunden zu zählen! Alles und jeder versucht andauernd alles und jeden zu überholen, nicht selten überholt ein Überholender einen anderen Überholenden oder die Manöver sind so riskant, dass der Gegenverkehr stehen bleiben muss, damit keine Katastrophe geschieht. Hierbei nimmt es der bewusste Gegenverkehr allerdings wieder gelassen, wendet noch nicht einmal die sonst fast dauergedrückte Hupe an, sondern fährt friedlich weiter. Von Lioba und Luise habe ich mir allerdings auch schon eine Schlägerei von Businsassen mit einem Lasterfahrer schildern lassen, letzterer wurde in Indermanier mit der flachen Hand gehauen und geschubst, einer soll sogar seine Latsche vom Fuß gezogen haben, um dem des Fahrens mit unter Alkoholeinfluss bezichtigten LKW-Fahrer damit einen Denkzettel zu verpassen.
Zu dem oben beschrieben Busfahren passt allerdings auch noch, dass man zwar keine Leute antrifft, die sich irgendwie aufregen, aber man merkt dennoch, dass ihnen nicht alles egal ist: Kommt ein voller Bus, drängelt man sich zur Tür rein, schmeißt sich schnell auf den einzigen freien Platz und kommt nicht im Traum darauf, diesen jemand anderem anzubieten oder gar jemandem den Vortritt zu lassen! Wo es so viele Menschen gibt, dass man immer und überall in einer Masse ist, muss jeder sehen, wo er bleibt! Auch hierbei sind Marlena und ich schon recht indisch geworden. Oft genug müssen wir aber auch feststellen, dass es manchmal an Mitdenken und der mir sonst so selbstverständlich vorkommenden europäischen Höflichkeit mangelt. Männer und Frauen sitzen im Bus nicht nebeneinander, sofern sie nicht verheiratet sind. Wenn man dann in einen Bus steigt, bei dem alle Zweiersitze mit je einem Mann besetzt sind und keiner sich von sich aus einfach neben einen anderen setzt, um zwei Frauen einen Platz zu verschaffen, ärgere ich mich und bitte einen, den Platz zu wechseln, was dann meistens auch geschieht. Wenn ich dann allein auf einem Zweier sitze, ein Mann zusteigt und ich mich zu einer anderen allein sitzenden Frau setze und dem Mann bedeute, sich auf den freien Zweier zu setzten, werde ich schon mal angeguckt, als wäre ich des Wahnsinns!
Eine weitere Tatsache hier ist die Notwendigkeit der keuschen Kleidung für Frauen. Alles ist zwar bunt und meist sorgfältig gewickelt (Saree), weit muss es aber auch sein und es darf nicht zu viele Konturen zeigen, die die Männer aufreizen könnten. Beinbekleidung muss auf jeden Fall übers Knie gehen und darf nicht zu eng sein, oben herum müssen die Schultern bedeckt sein. Sarees bedecken bis auf Rücken und seitliche Bauchpartien alles, bei Chudidhars kommt zu der weiten Stoffhose ein meist knielanges Oberteil dazu, man sieht also keine Kurven. Der Schal der mit den Enden nach hinten über den Schultern liegt, bedeckt und kaschiert vorne, also auch die Brustpartie, die sich durch das Oberteil abzeichnen könnte. Mit dem Experiment, den zwar schönen aber heißen und unpraktischen Schal wegzulassen, habe ich schlechte Erfahrungen gemacht: Marlena und ich gingen nach Hause, es war schon dunkel, ein Moped fährt vorbei und dreht direkt vor uns, kommt uns dann entgegen und der Fahrer streckt, als er direkt an mir vorbei fährt, die Hand aus und grabscht mir an die Oberweite. Seitdem trage ich den Schal, aber das Glotzen, Graben, Geiern und Hinterherjohlen der Männer hört trotzdem nicht auf, ich bin nun mal weiß, das hat für die gleich eine Aussage, wobei ich natürlich nicht alle über einen Kamm scheren will, denn sicher gibt es auch einige (wenige) die nur eine freundliche Kontaktaufnahme ohne Hintergedanken zu den exotischen, aufregenden Fremden im Kopf haben.
Das nicht zu dieser Geschichte passende Gegenstück sind die Polizeiuniformen der Polizistinnen: Ein beige-braunes Overall, knalleng, mit Leder-Taillengürtel, der den Hintern noch betont und ohne jeglichen Schal für vorne! Wieso gucken diese Männer noch mir, einer schwitzenden, in einer Chudidhar, so weit wie ein Schlafanzug und genau so elegant, herumlaufenden Weiße hinterher??
Abgesehen von diesen kollektiven Eigenschaften gibt es auch noch einige Gesten, die typisch für Inder und -innen sind und die, wenn man nicht genau darauf achtet, auch mal missverstanden werden können. Da ist z.B. das berühmte Kopfschlenkern, der Kopf wird von einer zur anderen Seite gelegt, was für uns ein „Na ja, ich weiß nicht“, ein „Das muss ich mir genau überlegen“ oder sogar ein eindeutiges „Nein“ bedeutete, die Inder aber benutzten diese Bewegung als ein Ersatz für die (auch häufig verwendeten Worte) „ooookayokayokay“ oder auf Tamil „saaarisarisari“ (Sichersichersicher). Wenn man also in einem Laden oder Restaurant nach der Verfügbarkeit einer Ware fragt und ein Kopfschlenkern als Antwort erhält, ist das KEINE Verneinung! Rede ich mit Indern, wende ich das Schlenkern auch an, um Zustimmung auszudrücken, mit Westlern benutze ich immer meine deutschen Gesten.
Eine andere Geste ist das Klopfen mit den Fingerkuppen auf den Daumen, was meine Mutter als ein europäisches Zeichen für „Da labert einer Blödsinn“ oder „Blablabla“ interpretierte, was aber lediglich, je nach Gebrauch beider oder nur einer Hand, fünf bzw. zehn Rupees heißt, wenn man nach dem Preis fragt unterstellen die Inder einem also kein unnötiges Gerede.
Wenn Daumen und Zeigefinger einen Kreis bilden und die anderen Finger gerade hochgestreckt sind, begleiten oft ein „Super“ oder Tamil „Nallarke“ diese anerkennende Geste, die ich besonders zu hören bekommen, wenn ich einen schönen Saree trage oder frische Blumen im Haar habe.
Will man sich eine Autorikshaw nehmen und treibt es bei der Verhandlung mit dem Preisdrücken zu weit, so blickt man in ein verächtlich verzogenes Gesicht und bekommt eine Hand zu sehen, die aussieht, als würde sie schnell etwas aufschrauben: Die ausgestreckte Hand dreht sich nach innen, wobei Ring- und Kleiner Finger sich während der Drehung einklappen, das heißt so viel wie „Das mach' ich nicht!“.
Hilft ein Inder einem beim Verstauen des Gepäcks, z.B. im Zug, macht er nach getaner Arbeit häufig eine Bewegung, als würde er mit ausgestreckter Hand vorsichtig auf etwas klopfen, er zeigt also, dass das so bleiben kann.
Wenn ein indischer Mann mal besonders penetrant glotzt, kann man das unterbinden, indem man den Arm anwinkelt und auf Brusthöhe mit der Faust, aus der der Daumen aber ein wenig herausguckt, kurze Auf- und Abbewegungen durchführt. Unterstreichen kann man das Ganze noch mit dem dazu passenden Tamil-Wort „Enna?“ (Was?).
Versteht ein Inder einen nicht ganz, kann es sein, dass er statt einer Nachfrage das Kinn kurz nach vorne reckt, was nicht bedeutet, dass er „Ach jaaa...“ denkt und konzentriert zuhört, wie es das bei uns täte.
Will ein Kind mir im Unterricht, der in Kleingruppen stattfindet, etwas mitteilen, z.B., dass es seine Aufgabe fertiggestellt hat, dass es eine Frage hat oder dass es etwas trinken möchte, zwickt es mich in den Arm, indem es alle vier Finger auf meinen Arm legt und dann kräftig herunterdrückt. Dabei sagt es das „Ma'am, Ma'am, Ma'am!“ (Wir werden hier von allen, die uns nicht kennen „Madam“ genannt, nur manche Kinder nennen uns beim Namen oder sagen „akka“ („große Schwester“ =Anrede für alle Älteren weiblichen Geschlechts)).
 Allerdings wird diese Bewegung nicht einmal durchgeführt, sondern in Sekundenabstand so lange, bis ich reagiere. Das kann, wenn ich gerade mit einem anderen Kind beschäftigt bin, schon ganz schön nerven, ist aber wieder sowohl ein Beispiel dafür, dass aufgrund der Massen an Menschen jeder erst einmal davon ausgeht, nicht beachtet zu werden und zu penetranten Maßnahmen schreitet, um Aufmerksamkeit zu bekommen, als auch zeigt es, dass trotz großer Gelassenheit, was das Warten angeht, manche Dinge auf einmal von großer Dringlichkeit zu sein scheinen.
Fragt man nach Wasser, macht man die Hand zur Faust, streckt den Daumen hoch und macht eine Bewegung zum Mund, moechte man etwas essen legt man alle Fingerkuppen einer Hand aneinander und fuehrt diese zum Mumd. Mit dieser Geste wird man haeufig angebettelt. Moechte ein Kind im Unterricht aufs Klo, legt es den Zeigefinger auf den Mund, wie beim europaeischen "Pschhhht", um nach Erlaubnis zu fragen.
Was meine Freizeitgestaltung in Trichy angeht, so habe ich immerhin schon beschrieben, wie eingeschränkt die Möglichkeiten sind, wenn Powercut ist. Ansonsten gehe ich manchmal, wenn wir dringend eine Abkühlung brauchen, mit Marlena in den Pool eines Hotels, der zwar nicht besonders groß und ziemlich teuer, dafür aber unbeobachtet ist, weshalb man getrost einen Bikini tragen kann. Abgesehen davon könnten wir ins Kino gehen, aber wir verstehen die Tamil-Filme nicht und im Kino sind grundsätzlich alleinstehende Männer das primäre Klientel.
Parks oder Grünflächen, auf die man sich einfach mal setzen und ein Buch lesen kann habe ich außer in Pondicherry noch nicht gesehen. Man kann in Trichy aber gut Stoffe kaufen, eine Fußgängerzone gibt es aber nicht, also ist es eine eher stressige Angelegenheit, sich Rikshaws und Motorrädern ausweichend durch die zähen Massen, die sich durch die Stadt bewegen, zu kämpfen. Cafés oder Restaurants zum draußen sitzen gibt es hier überhaupt nicht, beim essen geht es darum, Nahrungsmittel in den Körper aufzunehmen, die Umgebung zählt ebenso wenig wie der soziale Aspekt. Oft warten im Restaurant schon Leute, die keinen Platz gefunden haben und andere werden aufgefordert, zu gehen, weil sie aufgegessen haben. Ein schöner Ort in Trichy ist die Tempelanlage Sri Rangam, einer der Tempel hat eine Dachterrasse, auf der man ruhig und schattig sitzen kann und einen schönen Ausblick auf die anderen Tempel und die umgebende Grünanlage hat. Insgesamt ist das Freizeitangebot also sehr beschränkt, Marlena und ich schaffen uns aber ganz gut Abhilfe: Wir kochen uns Pudding, den unser Besuch uns mitgebracht hat, leihen uns den Mixer unserer Chefin und machen uns Melonen-, Mango- oder Ananassaft oder -mousse und schreiben Berichte, lesen oder schauen Filme und Serien. Zur Zeit verbringen wir auch viel Zeit im Internetcafé, weil wir recherchieren, wo, was und wann wir studieren wollen.
Letztens hat es geregnet, nach langer Zeit mal wieder ein schöner kühler Regen, den Marlena und ich genossen, bis wir bis auf die Haut nass waren. Danach haben wir geduscht und einen Film geguckt, draußen hatte es sich abgekühlt und es wurde richtig gemütlich.
Jetzt gehe ich ins Internetcafé, um diesen Text hochzuladen, viele Grüße aus Trichy, eure Luise!

Freitag, 20. April 2012

Neue Perspektive: Vom Ruecken eines Elefanten und durch die Augen meiner Besucher!


Nach einer langen Schreibpause wird es nun einmal wieder Zeit für einen weiteren Bericht!
In Trichy kehrte nach meinem Umzug sehr bald Alltag ein, denn der Tagesablauf war, wie im letzten Bericht erläutert, nun strukturiert. Abgesehen von den Englischstunden, die ich mit dem Erzählen von Märchen und Geschichten füllte, kamen für mich nach einer Überarbeitung des Stundenplans noch weitere Stunden hinzu: Ich fokussierte meine Arbeit auf das Fördern von top leven children, die aufgrund ihres schnellen Lernens im vom Auswendiglernen und im Chor sprechen geprägten Unterricht oft unterfordert waren. So hatte ich Gruppen von Dritt- und Viertklässlern sowie eine Stunde mit zwei Mädchen aus dem UKG, der höchsten Kindergartenklasse. Auf diese Stunde freute ich mich immer besonders, denn die beiden Kinder hatten so viel Spaß daran, mich zu sehen, mit mir zu reden und waren bei meinen spielerischen Lernübungen immer sehr eifrig bei der Sache. Am  Ende der Stunde ließen Marlena, die die Förderung von langsameren Kindern übernimmt, und ich unsere Gruppen zusammen spielen, besonders „Reise nach Jerusalem“ ist beliebt. Ab und zu mache ich auch Klavierstunden mit einem blinden Mädchen aus der 4. Klasse, die sich sehr über diese spezielle Zuwendung freut, denn im Unterricht kann sie kaum mitmachen und die Aufgaben in ihrem Schulbuch werden entweder von der Lehrerin oder der Sitznachbarin ausgefüllt, wovon sie selbst natürlich keinen Nutzen und noch weniger einen Lerneffekt hat – WIE etwas geschieht ist hier eher selten die Frage, solange das Ergebnis stimmt.
Zudem hat sich unser Schulchor etabliert, wir singen sowohl Lieder, die die Niederländerinnen den Kinder schon beigebracht hatten, als auch neues. Meist begleite ich auf dem Keyboard, bei Powercut muss ich auf die Gitarre zurückgreifen.
Allerdings war die lange Zeit seit meinem letzten Bericht nicht nur von Arbeitsalltag gefüllt: Ich hatte das große Glück, mich über diverse Besucher freuen zu dürfen! Der erste Besuch bestand aus meinem Bruder Konrad und Marlenas Freundin Hannah. Aufgeregt und gespannt holten wir die beiden vom Flughafen ab und hatten viel Freude an dem Déjà-Vu-Erlebnis des Gerade-Erst-Ankommens, was wir durch das Staunen und Nachfragen der beiden Gäste hatten. Erst zu dieser Zeit merkte ich, wie viel ich eigentlich schon über Indien wusste ohne dass ich es explizit gelernt hatte. Konrad und Hannah kamen zudem in den Genuss der Exhibition in unserer Schule, für die wir mit den Kindern geübt hatten. Es handelte sich um eine Ausstellung der kürzlich gelernten Inhalte, allerdings waren alle Erklärungen von den Schülern auswendig gelernt, so dass auf Nachfragen nicht geantwortet werden konnte und die kleinen Hefte und Modelle zu den verschiedenen Themen waren ausschließlich von den Lehrern angefertigt worden, wieder ein Beispiel für die indische Wichtigkeit des Scheins, die weit über der des Seins steht.
Überschneidend mit diesem Besuch kamen dann noch mein anderer Bruder und mein Cousin hinzu, so gab es einen fließenden Übergang und sogar eine kurze Zeit zu sechst, die wir zum Teil im Dorf verbrachten, wo man sich sehr freute, uns wiederzusehen und begeistert mit uns Brennball und Cricket spielte. Kurz nach Abreise der lieben Gäste, die netterweise auch nicht an Mitbringseln wie Süßigkeiten, deutschem Essen und Büchern sowie Pflegeartikeln gespart hatten, näherte sich auch schon der nächste Besuch: Meine besten Freunde Luise und Lioba, die ich 7 bzw. 14 Monate nicht gesehen hatte, kamen für einen Monat nach Indien! In dieser Zeit trafen Marlena und ich die beiden immer wenn es möglich war, unter der Woche arbeiteten wir und die Mädels guckten sich Südindien an. Auch an meinem 20. Geburtstag, dem 1. März waren die beiden dabei und ich hatte eine schöne Feier mit einigen Leuten in Pondicherry. Buchstäblich von der Indien-Sucht gepackt verlängerten die beiden ihren Aufenthalt noch um weitere zwei Wochen, so dass sie sogar meine Ende März anreisende Familie noch treffen konnten!
Direkt vor der Ankunft dieser war bei uns in der Schule Annual Day, also Jahrestag der Gründung. Ich führte mit Marlena und unserem Chor die einstudierten Stücke (If you're happy and you know it, Slap-Clap-Clap und Mango-Song) vor den Familien der Schüler und einigen offiziellen Gästen auf, alles kam gut an und besonders die kleinen Performances zu den Liedern mochten die Zuschauer. Dann fuhr ich direkt nach Chennai, um meine Lieben abzuholen. Nachdem ich also in der Luise-Lioba-Zeit gearbeitet hatte, nahm ich mir für die Zeit mit meinen Eltern und Schwestern frei. Wir bereisten in einem relativ spontanen, gut gefüllten aber trotzdem nicht zu anstrengenden Programm den indischen Süden, ich zeigte ihnen die mir bekannten Orte und mein Zuhause und sah auch vieles, was ich noch nicht kannte, wie zum Beispiel die unübertroffen schöne Landschaft der Backwaters in Kerala, die tamilische Stadt Madurai und den Ort Kumily in der Bergen, wo eine Elefantensafari auf dem Programm stand. Meine Eltern und Schwestern hielten sowohl die immer anstrengender werdende Hitze mit tagsüber bis zu 40°C als auch die zum Teil eben gewöhnungsbedürftigen und für deutsche Verhältnisse unkomfortablen Reiseverhältnisse sehr gut durch, gewöhnten sich schnell ein und hatten Spaß am Elefantenreiten, Bootfahren durch die Backwaters, Tempelbesichtigen, Schwimmen im Arabischen Meer, Essen probieren, tropisches Obst genießen und natürlich Stoffe kaufen und diese beim Schneider verarbeiten lassen. Der Schneider im Strandort Kovalam, der mich schon als gute Kundin kannte, ließ mich und meine Schwestern auch mal an seine Maschine, die der Erfolg und die Ergebnisse waren jedoch mäßig. Nach Abschluss der Rundreise durch Kerala kehrte ich mit ihnen nach Trichy zurück, um ihnen das Dorf zu zeigen und ihre bei mir abgestellten Gepäckstücke zu holen. Ich entschied mich gegen meinen ursprünglichen Plan, in Trichy zu bleiben, um die letzte zeit mit ihnen noch zu nutzen. Wir fuhren für einen Tag in den Strandort Mamallapuram, um dort noch einmal in die kleinen Läden gehen zu können und die Tempel zu bewundern. Beim schlendern durch eine der Tempelanlagen kam uns ein aufgeregter Spanier entgegen, der „Tsuami alerta!Tsunami alerta!“ rief, sofort aber weiter rannte. Wir wussten zunächst nicht, ob das ernstzunehmen war, bis ein Inder uns ansprach und sachlich erklärte, es habe bei Indonesien ein Seebeben in der Stärke 8,6 auf der Richterskala gegeben und der Ort Mamallapuram sei vom Frühwarnsystem auf die Tsunami-Gefahr hingewiesen worden. Ich wusste, dass der Ort sich an der Küste befand, an der 2004 nach einem Beben der gleichen Stärke tausende Menschen im Tsunami ihren Tod gefunden hatten, aber dass sich dieses Ereignis wiederholen sollte, wenn ich ausgerechnet dort und mit meiner Familie dort war, schockte mich sehr. Wir alle bekamen es mit der Angst zu tun und liefen zum Hotel, um unser Gepäck zu holen und unserem ersten Gedanken, der der Flucht landeinwärts galt, zu folgen. Die Busse waren allerdings überfüllt und Taxis bereits nicht mehr verfügbar. Da unser Hotel ein solider dreistöckiger Bau war und zudem immerhin 500 m von der Wasserkante entfernt, beschlossen wir dann, zu bleiben. Nervös warteten wir auf der Dachterrasse auf die Welle, die für 5 Uhr angekündigt war. Als nichts geschah, verkündete der Manager schließlich Entwarnung, aber immer noch war für die nächsten zwei Stunden Vorsicht geboten. Am nächsten Tag stand dann in der Zeitung, dass es neben dem ersten Seebeben noch mindestens 7 weitere, davon eins mit Stärke 8,2 auf der Richterskala, gegeben haben soll, dass aber aufgrund einer horizontalen, nicht wie 2004 einer vertikalen Plattenverschiebung keine größeren Wassermassen in Bewegung gesetzt wurden, Gott sei Dank!
Nach einem kurzen, nun wieder sicheren Strandspaziergang fuhren wir dann weiter nach Chennai. Dort verbrachten wir den letzten Tag, besorgten die letzten Mitbringsel und schließlich musste ich mich von meinen Lieben am Flughafen verabschieden, was trotz meiner nicht allzu langen verbleibenden Zeit unerwartet schwer fiel. Ich verbrachte den Tag allein in Chennai, bis Caro mit ihrer Familie, die am selben Tag abends abflog, eintraf. Caro und ich blieben das Wochenende in Chennai und genossen die dort möglichen Freizeitmöglichkeiten sowohl in einer Shopping Mall als auch im Kino, es lief Titanic in 3D, dann fuhren wir nach Trichy, Caro leistete mir eine Weile Gesellschaft, musste dann aber heim nach Thanjavur und jetzt sitze ich hier allein, denn Marlena ist mit zwei Besuchern in Goa, und schwitze, denn es ist mal wieder Powercut, und schreibe!
Nun werde ich erst einmal in Trichy bleiben, meine Chefin kündigte an, eine Englisch-Lernsoftware für die Kinder zu entwickelt, in welcher sie meine Stimme für die Hinweise und Anleitungen aufnehmen möchte. Im Mai werden dann Sommerferien sein, ich habe einen Flug nach Delhi und werde in den Genuss kommen, mir den indischen Norden genauer anzusehen.
Mittlerweile bin ich zwar gerne hier und fühle mich komplett zuhause, allerdings sind die Erinnerungen an Deutschland bereits so weit in die Ferne gerückt, dass ich mich nun auch schon sehr darauf freue, zurückzukehren, besonders, weil ich so viele Möglichkeiten, die ich hier nicht habe, in Deutschland dann umso mehr zu schätzen wissen werde.

Mittwoch, 18. April 2012

Besuch und neue Abenteuer

 Paradiesisch: Palmenwald am Strand von Kovalam
Mit Marlena und meinen Gästen Luise und Lioba am Strand

Scooter fahren in Auroville

Trichy von oben

Schöner gehts nicht: Die Backwaters von Kerala!

Ein Elefant beim Baden

Boote in den Backwaters

Kathakali-Darsteller