Um die Lebensumstände hier im Boys Home in Vadugarpet einmal etwas anschaulicher zu beschreiben und so einen besseren Einblick zu ermöglichen, schreibe ich nun mal wieder einen Blogeintrag, dieses Mal aber nicht gehetzt im Internetcafé verfasst, sondern auf dem eigenen Laptop „zuhause“ (im Boys Home) geschrieben und per USB-Stick mit ins Internetcafé genommen.
Das Boys Home ist ein recht großes Haus, im Erdgeschoss befindet sich die 2-Zimmer-Wohnung meiner Chefs, der Leiter des Heims, Francis und Preticia, außerdem gibt es zwei große Räume, bis auf eine Schrankwand ohne Einrichtung, die als Dining Halls und Schlafräume, Fernsehraum und Hausaufgaben-Räume genutzt werden. Da man für all diese Tätigkeiten im Schneidersitz auf dem Boden sitzt, bedarf es keiner Möbel, nur fürs Schlafen werden dünne Matten ausgerollt. Angeschlossen an einen dieser Räume ist eine Küche, keineswegs aber so eine, wie man sie in Europa kennt, sondern eine offene Feuerstelle, auf der das Essen in großen Schüsseln von den beiden Köchinnen zubereitet wird. Im Obergeschoss gibt es weitere drei große Räume, die ebenfalls nur mit Schrankwänden ausgestattet sind und auch sowohl als Schlaf- als auch als Arbeitsräume genutzt werden. Des weiteren befindet sich im Obergeschoss noch ein Büro und ein Raum, der als einziger im Haus zwei harte Betten beinhaltet: Marlenas und mein Zimmer, in dem außerdem noch ein großer Schrank und eine Kommode stehen, die abgeschlossen sind und auf denen Kartons aufgestapelt sind. Zudem haben wir ein Sofa und ein kleines Regal, beides benutzen wir als Ablagefläche. Unser eigenes, dem Zimmer angeschlossenenes Bad ist eine Nasszelle (=Dusche ist mitten im Raum, der Gulli, wo das Wasser abfließt, in einer Ecke, das heißt, es ist eigentlich immer nass), deren Waschbecken kaputt ist und deren Klospülung nicht richtig funktioniert. Den ungebetenen Besuch von einigen zeigefingergroßen Kakerlaken, die wir mit einer Menge Selbstüberwindung aus dem Klo und vom Boden fischten und entsorgten, führten wir auf das offene Rohr des kaputten Waschbeckens zurück, seit wir es verstopft haben, sind wir von weiteren Besuchen verschont geblieben. Warmes Wasser gibt es nur selten, meistens dann, wenn einem so heiß ist, dass man Lust auf eine eiskalte Dusche hätte, deshalb waschen wir unsere Sachen meistens mit kaltem Wasser in den dafür vorgesehenen Plastikeimern. Die Fenster haben keine Scheiben und keine Fliegengitter, nur Läden, das heißt, es ist entweder dunkel und tierfrei oder hell, durchgelüftet und es kommen Gäste vorbei. Abgesehen von Mücken, Spinnen, Fliegen und Ameisen haben wir zur Zeit auch einen gut 10 cm großen Gecko im Zimmer, der irgendwie nicht mehr herausfindet, deswegen haben wir ihn als Mitbewohner akzeptiert. Der Ameisenstraße, die an der Wand neben meinem Bett verläuft, habe ich versucht, mit roher Gewalt entgegen zu wirken, indem ich den Schlitz im Fensterrahmen, in dem die Tiere verschwinden, mit Tesafilm zuklebte, leider aber ohne Erfolg. Bei den doch recht häufig auftretenden Stromausfällen vermissen wir neben dem Licht vor allem den Ventilator, der uns vor dem gefühlten Hitzetod bewahrt und uns ohne Strom so gnadenlos im Stich lässt.
Wir führen hier also ein einfaches Leben, im Vergleich zu den Jungs aber sind wir luxuriös untergebracht. Auch wenn man als westlich denkender Mensch schnell dazu neigt, zu sagen, dass hier für die über 80 Kinder vieles fehlt, vor allem Privatsphäre, Spielsachen und Unterbringungsgegenstände (z.B. Betten), die für uns nicht wegzudenken sind, aber wenn keiner diese Dinge vermisst, gibt es keinen Mangel, und das sicherste Indiz dafür sind die Kinder, denn sie sind so fröhliche, aktive, freundliche, wissensdurstige, neugierige, höfliche und engagierte Menschen!
Das Außengelände des Boys Home bietet den Jungs, die meine Hochachtung haben, da sie auch in der noch so brüllenden Hitze in der prallen Sonne herumrennen, Platz zum Cricket- Volleyball- und mit uns auch Völkerballspielen, auch kümmern sie sich um die dort wachsenden Pflanzen und waschen ihre Wäsche und sich selbst an der Wasserpumpe. Marlena und ich haben auch schon Cricket ausprobiert und Spiele mit den Jungs gemacht, im Teich in der Nähe haben wir selbstgefaltete Papierboote mit den Jungs in See stechen lassen. Bei den Spielen stellt es sich immer wieder als kompliziert heraus, alle, die Lust haben, mit einzubeziehen: Den Gehörlosen können wir keine genaue Anleitung geben und die Blinden können oft nicht mitspielen, weil man für die Spiele meistens einfach sehen können muss.
Der neue Tagesplan hat sich aber bisher bewährt, ich unterrichte Englisch für eine Kleingruppe, wir haben Office Work zu erledigen, waren mit bei einem Meeting mit den Sozialarbeiten der umliegenden Dörfer und, um uns den Tamilen optisch ein wenig anzupassen, legen wir uns ab und zu in den Pausen auf der Dachterrasse in die Sonne.
Als nächstes will ich vor allem die tamilische Sprache in Angriff nehmen, die Farben, Tiere, Wochentage, Hallo, Tschüss, Genug, Danke und die Zahlen reichen einfach nicht, um sich mit den Köchinnen zu unterhalten. Immerhin haben wir jetzt angefangen, Singing Lessons mit einigen Jungs zu machen, was sich allerdings bei dem lauten, aber nicht sehr sorgfältigen Singstil als ziemliche Herausforderung erwies. Dennoch haben die Jungen sowohl die Einsing-Übungen als auch einige von mir auf der Geige begleiteten Tonleitern gut mitgemacht, vor allem, weil die Geige ein Highlight für sie war. Nachdem ich ihnen noch ein bisschen einfach so vorgespielt hatte, ließ ich sie auch mal probieren und sie hatten großen Spaß.
Letztens fand in Vadugarpet ein großes kirchliches Fest mit Musik, Programm und einem Jahrmarkt statt, schon Tage vorher waren jeden Abend trommelnde, tanzende Gruppen mit einem großen, mit blinkenden Lichtern und Blumen geschmückten Wagen, auf dem eine Marien-Statue stand, herumgezogen. Es ist also auch hier auf dem Dorf mal was los!
Leider habe ich in letzter Zeit heftige Hautausschläge gehabt, weil ich anscheinend eine Allergie gegen irgendwas habe, was ich hier zu essen bekommen habe, ein Besuch bei einem indischen Arzt habe ich somit also auch schon erlebt. Doch das ändert nichts daran, dass ich mich hier wohl fühle und zufrieden bin, nicht zuletzt auch deshalb, weil ich mich mit meiner Mitfreiwilligen so gut verstehe!
Gruesse aus dem Dorf!