Nach einem insgesamt 14stündigen Flug und wenig Schlaf kamen wir, Caro, Marlena und ich, am Flughafen von Chennai an. Die Räume dort waren klimatisiert, als wir aber unser Gepäck abgeholt hatten und den Flughafen verließen, merkten wir erst, wie unbeschreiblich heiß es eigentlich war. Triefend und rotgesichtig wechselten wir jeder ein wenig Geld, wobei uns ein sehr hilfsbereiter indischer Mitreisender, der als Student in München gewesen war, half, und stellten dann erleichtert fest, dass der Fahrer, der uns zu unserer vorläufigen Unterkunft bringen sollte, bereits wartete. Nach einer rasanten Fahrt durch den lauten, chaotischen, anfangs schwindelerregenden indischen Verkehr, die uns alle in euphorische Hochstimmung versetzte, erwartete uns in der ICSA (Inter Church Service Association) ein erstes Erleben von indischen Verhaltensweisen: Kopfgewackel, ein für uns fast unverständliches Indian-English und eine Menge „No Problem“s, „Ooookay“s und „Okayokayokay“s begleiteten uns bei der Konversation, in der wir nur nach einem Zimmer fragten.
Die drei Tage in Chennai lassen sich wohl ganz gut mit dem Wort „akklimatisieren“ beschreiben. Anders als andere Freiwillige hatten wir drei nämlich keinerlei Einführungsseminar, konnten aber alsbald ziemlich erleichtert und nicht minder stolz feststellen, dass wir uns dieses Seminar selber erteilen konnten: Die ersten Einkäufe, von denen wir mit einem ersten Satz indischer Kleidung, sogenannten Chudidars (weite Stoffhose mit knielangem, kurzärmeligen Oberteil und einem dünnen Schal), Früchten, Wasser, Flip-Flops etc. erfolgreich zurück in die ICSA kehrten, stressten uns wegen der ungewohnten schwülen Hitze sehr, aber schon Tage später wuchs das Durchhaltevermögen beträchtlich. Auch das Essen der angeblich „no spicy“ Gerichte, die uns sehr mundeten, aber die Tränen in die Augen trieben, war bald keine Schwierigkeit mehr. Ebenso sanken die Preise der Autofahrten („Auto“ steht für Auto-Rikscha) genauso schnell, wie unser Verhandlungsvermögen zunahm. Mit duftenden Blumenketten in den Haaren schlenderten wir den Strand entlang, ließen uns von neugierigen Leuten fotografieren, erwiderten das Winken der kichernden Mädels und bekamen einmal ein unglaublich niedliches Baby in die Hand gedrückt, um mit ihm Fotos zu machen. Die Abende gestalteten wir uns für den Übergang eher europäisch und schauten Kekse und Schokolade essend Filme von unseren Laptops.
Da unsere Projekte in Trichy (Marlena und ich) und Thanjavur (Caro) nicht genau wussten, wann wir ankamen, stellte sich uns nach der bereits überwundenen Hürde des Zugticketkaufs noch die Aufgabe, in den Projekten anzurufen, was glücklicherweise mit einer halbwegs guten Verständigung vonstatten ging. Die Zugfahrt nach Trichy war wegen der Gepäckmengen zwar eine Herausforderung, ansonsten aber einfach zum Genießen: Es gab Ventilatoren, den heißen, aber angenehmen Fahrtwind, Türen, in die man sich setzten und die vorüberziehende tamilische Landschaft betrachten konnte, harte Liegen, auf denen man erstaunlich gut schlafen konnte, nette Menschen, süße, neugierige Kinder und Snack-Verteiler, die für umgerechnet ein paar Cent indian breakfast anboten.
In Trichy angekommen wurden wir sehr herzlich (ganz oft „welcome to India!“) von Professor Prabakkar, dem Gründer der Holy Cross Service Society, empfangen. Unsere Unterkunft befand sich im unteren Geschoss seines Hauses. Er und seine ebenfalls sehr freundliche Frau Prema zeigten uns sowohl die Einrichtung (die HCSS ist eine Schule für Kinder mit Behinderung), als auch verschiedenen Restaurants, in die sie uns einluden, umsorgten uns sehr gastfreundlich und organisierten vielen für uns. Auch auf meine plötzlich doch auftretenden, sehr unangenehmen Verdauungsschwierigkeiten reagierten die beiden sehr fürsorglich und besorgten Schonkost für mich.
Schließlich erklärte der Professor uns, dass er es für gut halte, dass wir zunächst in einem ebenfalls zur HCSS gehörigen Boys Home in einem Dorf in der Nähe Trichys arbeiten sollten, da er und seine Frau eine Woche später für zwei Monate in die USA reisen würden, um ihre dort lebenden Kinder und Enkel zu besuchen. Nun, eine Woche nach der Ankunft in Indien, haben Marlena und ich also schon den zweiten Umzug hinter uns: Für zwei Monate sind wir im Boys Home, was 93 Jungs, die zwischen fünf und 22 sind, beherbergt. 52 % der Jungs sind behindert, also blind, taub oder geistig behindert, alle anderen haben keine Einschränkung. Tagsüber gehen die Jungs zur Schule oder ins College, nachmittags und abends spielen, gärtnern, essen, beten oder arbeiten sie. Die sehr freundlichen Leiter des Heims, Francis und Prebecia, wohnen wie wir im gleichen Haus wir die Jungs, ebenso ihr Sohn John Peter Paul. Prebecia kannten wir auch schon von einer Shoppingtour in Trichy, bei der sie uns geduldig durch die wunderbaren Läden mit Massen von herrlichen Stoffen und Schmuck begleitet und bei der Auswahl der ersten Saree-Stoffe beraten hatte.
Francis war vor allem begeistert davon, dass ich meine Geige mitgebracht habe und zeigte mir heute, am ersten Tag (der uns schon ganz vernarrt in die vielen neugierigen, lieben, hilfsbereiten Kinder gemacht hat), Noten von Liedern, von denen er sich wünscht, dass ich sie doch bitte spielen solle, damit die Jungs dazu singen können. Ich freue mich also jetzt erstmal auf 2 Monate auf dem Dorf und hoffe auf schöne, erfüllende und sowohl in Tamil, Tamil Sign Language als auch im Umgang mit den Kindern lehrreiche Wochen!!