Um nicht immer nur chronologisch die Ereignisse in meiner Indien-Zeil aufzulisten, möchte ich in diesem Blogeintrag einmal mehr über die alltägliche Normalität, die Verhaltensweisen und die Zeichen- bzw. Körpersprache der Inder und über meine Freizeitmöglichkeiten und die daraus hervorgehende Freizeitgestaltung schreiben.
In Tamil Nadu ist es rund ums Jahr warm, es herrschen tropische Klimaverhältnisse, im Winter (Oktober bis Dezember) gehen die Temperaturen auf bis zu 20°C herunter, im Sommer, also jetzt (Ende April bis Juli) dagegen hat es tagsüber um die 40°C. Die Luft glüht förmlich, das Einatmen durch die Nase tut manchmal weh und die Augen trocknen schnell aus. Man muss unendlich viel trinken, um bei Kräften zu bleiben, aber das ist, angesichts der plötzlichen Durstattacken, in der man schon mal einen dreiviertel Liter auf einmal trinkt, keine Schwierigkeit. Da aber die Außentemperatur deutlich höher ist als die des Körpers versucht dieser, andauernd zu kühlen, man schwitzt also dauerhaft. Das ist aber eine Tatsache, an die man sich schnell gewöhnt. Die meisten Inder haben immer ein kleines Taschentuch dabei, welches sie zum Abwischen vom Schweiß im Gesicht benutzen. Frauen wischen sich und ihren Kindern aber auch oft den Schweiß mit ihrem Chudidhar-Schal oder dem Endstück ihres Sarees ab.
Die Powercuts (Stromausfälle), die nicht wegen einer Überlastung des Netzes oder einem technischen Problem auftreten, sondern von der Regierung als Stromsparmaßnahme beschlossen wurden, angeblich um die NGOs, die sich gegen den Bau eines neuen Atomkraftwerkes in Tamil Nadu aussprechen und dabei von westlichen Organisationen unterstützt werden, von der Notwendigkeit des neuen Werkes zu überzeugen und deren Zustimmung zu erzwingen, sind bei dieser Hitze nicht gerade eine Annehmlichkeit. Abgesehen davon, dass die ein wenig Kühle spendenden Ventilatoren bei Powercut ausfallen, geht auch der Kühlschrank aus, abends sitzt man zudem im Dunkeln und wenn dann der Wassertank leer ist, die strombetriebene Pumpe ausfällt und kein Wasser da ist und alle Elektrogeräte keinen Saft mehr haben, kann man nichts mehr machen. Weder die Kleidung waschen (was hier natürlich von Hand geschieht), noch lesen, Musik hören, schreiben, Kochen (Elektrokochplatte), Geige spielen, aufräumen (bei Kerzenlicht schlecht durchführbar), frische Früchte zu Smoothies verarbeiten (der Mixer ist ohne Strom auch tot) oder ins Internetcafe gehen, denn das hat bei Powercut auch zu. Man sitzt also schwitzend im Zimmer und wird sich bewusst, wie sehr man im alltäglichen Leben vom Zugriff auf Elektrizität abhängig ist.
Dass die Inder ein gelassenes Volk sein müssen, wenn sie das so hinnehmen, versteht sich mehr oder weniger von selbst. Das stundenlange Warten an irgendwelchen Kassen oder Verkaufsständen ist genau wie die Gleichgültigkeit, mit der die wohl zur Ausnutzung ihrer Stellung für eigene Zwecke neigenden Polizisten und -innen respektiert werden, obwohl sie einen x-mal irgendwo hinbestellen und jedes Mal gibt es ein anderes Problem, weshalb die erbetenen Papiere nicht ausgestellt werden können, dabei sehen die Büros aus wie bei mir unterm Sofa, ist für die Inder kein Problem. Auch wenn ein Bus stundenlang nicht los fährt regt sich ebenso wenig jemand auf, wie wenn einer bis zum letzten Quadratzentimeter vollgestopft ist. Vor einer Menge von diesen Gelassenheitsbeweisen ziehe ich den Hut und ich kann sagen, dass ich mich auch in diesem Punkt in den acht Monaten, die ich jetzt hier bin, ganz gut angepasst habe. Manchmal jedoch wundere ich mich über merkwürdige Lücken in der „Logik“ dieser Lebensweise: Alle haben immer viel Zeit, lassen mich auch mal ein oder zwei Stunden auf einen Termin warten, ich jedoch werde bei Nicht-Erscheinen zwei Minuten nach der verabredeten Zeit telefonisch kontaktiert und nach meinem Verbleiben gefragt. Alle haben immer Zeit, frage ich am Busstand jemanden, wo der Bus nach XY fährt, nimmt sich diese Person nicht selten einige Zeit, bis sie den Bus ausfindig gemacht hat und mich auf dem sicheren Weg weiß, ebenso gibt es den oben beschriebenen großzügigen Umgang mit Zeit, im Verkehr aber scheinen auf einmal Millisekunden zu zählen! Alles und jeder versucht andauernd alles und jeden zu überholen, nicht selten überholt ein Überholender einen anderen Überholenden oder die Manöver sind so riskant, dass der Gegenverkehr stehen bleiben muss, damit keine Katastrophe geschieht. Hierbei nimmt es der bewusste Gegenverkehr allerdings wieder gelassen, wendet noch nicht einmal die sonst fast dauergedrückte Hupe an, sondern fährt friedlich weiter. Von Lioba und Luise habe ich mir allerdings auch schon eine Schlägerei von Businsassen mit einem Lasterfahrer schildern lassen, letzterer wurde in Indermanier mit der flachen Hand gehauen und geschubst, einer soll sogar seine Latsche vom Fuß gezogen haben, um dem des Fahrens mit unter Alkoholeinfluss bezichtigten LKW-Fahrer damit einen Denkzettel zu verpassen.
Zu dem oben beschrieben Busfahren passt allerdings auch noch, dass man zwar keine Leute antrifft, die sich irgendwie aufregen, aber man merkt dennoch, dass ihnen nicht alles egal ist: Kommt ein voller Bus, drängelt man sich zur Tür rein, schmeißt sich schnell auf den einzigen freien Platz und kommt nicht im Traum darauf, diesen jemand anderem anzubieten oder gar jemandem den Vortritt zu lassen! Wo es so viele Menschen gibt, dass man immer und überall in einer Masse ist, muss jeder sehen, wo er bleibt! Auch hierbei sind Marlena und ich schon recht indisch geworden. Oft genug müssen wir aber auch feststellen, dass es manchmal an Mitdenken und der mir sonst so selbstverständlich vorkommenden europäischen Höflichkeit mangelt. Männer und Frauen sitzen im Bus nicht nebeneinander, sofern sie nicht verheiratet sind. Wenn man dann in einen Bus steigt, bei dem alle Zweiersitze mit je einem Mann besetzt sind und keiner sich von sich aus einfach neben einen anderen setzt, um zwei Frauen einen Platz zu verschaffen, ärgere ich mich und bitte einen, den Platz zu wechseln, was dann meistens auch geschieht. Wenn ich dann allein auf einem Zweier sitze, ein Mann zusteigt und ich mich zu einer anderen allein sitzenden Frau setze und dem Mann bedeute, sich auf den freien Zweier zu setzten, werde ich schon mal angeguckt, als wäre ich des Wahnsinns!
Eine weitere Tatsache hier ist die Notwendigkeit der keuschen Kleidung für Frauen. Alles ist zwar bunt und meist sorgfältig gewickelt (Saree), weit muss es aber auch sein und es darf nicht zu viele Konturen zeigen, die die Männer aufreizen könnten. Beinbekleidung muss auf jeden Fall übers Knie gehen und darf nicht zu eng sein, oben herum müssen die Schultern bedeckt sein. Sarees bedecken bis auf Rücken und seitliche Bauchpartien alles, bei Chudidhars kommt zu der weiten Stoffhose ein meist knielanges Oberteil dazu, man sieht also keine Kurven. Der Schal der mit den Enden nach hinten über den Schultern liegt, bedeckt und kaschiert vorne, also auch die Brustpartie, die sich durch das Oberteil abzeichnen könnte. Mit dem Experiment, den zwar schönen aber heißen und unpraktischen Schal wegzulassen, habe ich schlechte Erfahrungen gemacht: Marlena und ich gingen nach Hause, es war schon dunkel, ein Moped fährt vorbei und dreht direkt vor uns, kommt uns dann entgegen und der Fahrer streckt, als er direkt an mir vorbei fährt, die Hand aus und grabscht mir an die Oberweite. Seitdem trage ich den Schal, aber das Glotzen, Graben, Geiern und Hinterherjohlen der Männer hört trotzdem nicht auf, ich bin nun mal weiß, das hat für die gleich eine Aussage, wobei ich natürlich nicht alle über einen Kamm scheren will, denn sicher gibt es auch einige (wenige) die nur eine freundliche Kontaktaufnahme ohne Hintergedanken zu den exotischen, aufregenden Fremden im Kopf haben.
Das nicht zu dieser Geschichte passende Gegenstück sind die Polizeiuniformen der Polizistinnen: Ein beige-braunes Overall, knalleng, mit Leder-Taillengürtel, der den Hintern noch betont und ohne jeglichen Schal für vorne! Wieso gucken diese Männer noch mir, einer schwitzenden, in einer Chudidhar, so weit wie ein Schlafanzug und genau so elegant, herumlaufenden Weiße hinterher??
Abgesehen von diesen kollektiven Eigenschaften gibt es auch noch einige Gesten, die typisch für Inder und -innen sind und die, wenn man nicht genau darauf achtet, auch mal missverstanden werden können. Da ist z.B. das berühmte Kopfschlenkern, der Kopf wird von einer zur anderen Seite gelegt, was für uns ein „Na ja, ich weiß nicht“, ein „Das muss ich mir genau überlegen“ oder sogar ein eindeutiges „Nein“ bedeutete, die Inder aber benutzten diese Bewegung als ein Ersatz für die (auch häufig verwendeten Worte) „ooookayokayokay“ oder auf Tamil „saaarisarisari“ (Sichersichersicher). Wenn man also in einem Laden oder Restaurant nach der Verfügbarkeit einer Ware fragt und ein Kopfschlenkern als Antwort erhält, ist das KEINE Verneinung! Rede ich mit Indern, wende ich das Schlenkern auch an, um Zustimmung auszudrücken, mit Westlern benutze ich immer meine deutschen Gesten.
Eine andere Geste ist das Klopfen mit den Fingerkuppen auf den Daumen, was meine Mutter als ein europäisches Zeichen für „Da labert einer Blödsinn“ oder „Blablabla“ interpretierte, was aber lediglich, je nach Gebrauch beider oder nur einer Hand, fünf bzw. zehn Rupees heißt, wenn man nach dem Preis fragt unterstellen die Inder einem also kein unnötiges Gerede.
Wenn Daumen und Zeigefinger einen Kreis bilden und die anderen Finger gerade hochgestreckt sind, begleiten oft ein „Super“ oder Tamil „Nallarke“ diese anerkennende Geste, die ich besonders zu hören bekommen, wenn ich einen schönen Saree trage oder frische Blumen im Haar habe.
Will man sich eine Autorikshaw nehmen und treibt es bei der Verhandlung mit dem Preisdrücken zu weit, so blickt man in ein verächtlich verzogenes Gesicht und bekommt eine Hand zu sehen, die aussieht, als würde sie schnell etwas aufschrauben: Die ausgestreckte Hand dreht sich nach innen, wobei Ring- und Kleiner Finger sich während der Drehung einklappen, das heißt so viel wie „Das mach' ich nicht!“.
Hilft ein Inder einem beim Verstauen des Gepäcks, z.B. im Zug, macht er nach getaner Arbeit häufig eine Bewegung, als würde er mit ausgestreckter Hand vorsichtig auf etwas klopfen, er zeigt also, dass das so bleiben kann.
Wenn ein indischer Mann mal besonders penetrant glotzt, kann man das unterbinden, indem man den Arm anwinkelt und auf Brusthöhe mit der Faust, aus der der Daumen aber ein wenig herausguckt, kurze Auf- und Abbewegungen durchführt. Unterstreichen kann man das Ganze noch mit dem dazu passenden Tamil-Wort „Enna?“ (Was?).
Versteht ein Inder einen nicht ganz, kann es sein, dass er statt einer Nachfrage das Kinn kurz nach vorne reckt, was nicht bedeutet, dass er „Ach jaaa...“ denkt und konzentriert zuhört, wie es das bei uns täte.
Will ein Kind mir im Unterricht, der in Kleingruppen stattfindet, etwas mitteilen, z.B., dass es seine Aufgabe fertiggestellt hat, dass es eine Frage hat oder dass es etwas trinken möchte, zwickt es mich in den Arm, indem es alle vier Finger auf meinen Arm legt und dann kräftig herunterdrückt. Dabei sagt es das „Ma'am, Ma'am, Ma'am!“ (Wir werden hier von allen, die uns nicht kennen „Madam“ genannt, nur manche Kinder nennen uns beim Namen oder sagen „akka“ („große Schwester“ =Anrede für alle Älteren weiblichen Geschlechts)).
Allerdings wird diese Bewegung nicht einmal durchgeführt, sondern in Sekundenabstand so lange, bis ich reagiere. Das kann, wenn ich gerade mit einem anderen Kind beschäftigt bin, schon ganz schön nerven, ist aber wieder sowohl ein Beispiel dafür, dass aufgrund der Massen an Menschen jeder erst einmal davon ausgeht, nicht beachtet zu werden und zu penetranten Maßnahmen schreitet, um Aufmerksamkeit zu bekommen, als auch zeigt es, dass trotz großer Gelassenheit, was das Warten angeht, manche Dinge auf einmal von großer Dringlichkeit zu sein scheinen.
Fragt man nach Wasser, macht man die Hand zur Faust, streckt den Daumen hoch und macht eine Bewegung zum Mund, moechte man etwas essen legt man alle Fingerkuppen einer Hand aneinander und fuehrt diese zum Mumd. Mit dieser Geste wird man haeufig angebettelt. Moechte ein Kind im Unterricht aufs Klo, legt es den Zeigefinger auf den Mund, wie beim europaeischen "Pschhhht", um nach Erlaubnis zu fragen.
Was meine Freizeitgestaltung in Trichy angeht, so habe ich immerhin schon beschrieben, wie eingeschränkt die Möglichkeiten sind, wenn Powercut ist. Ansonsten gehe ich manchmal, wenn wir dringend eine Abkühlung brauchen, mit Marlena in den Pool eines Hotels, der zwar nicht besonders groß und ziemlich teuer, dafür aber unbeobachtet ist, weshalb man getrost einen Bikini tragen kann. Abgesehen davon könnten wir ins Kino gehen, aber wir verstehen die Tamil-Filme nicht und im Kino sind grundsätzlich alleinstehende Männer das primäre Klientel.
Parks oder Grünflächen, auf die man sich einfach mal setzen und ein Buch lesen kann habe ich außer in Pondicherry noch nicht gesehen. Man kann in Trichy aber gut Stoffe kaufen, eine Fußgängerzone gibt es aber nicht, also ist es eine eher stressige Angelegenheit, sich Rikshaws und Motorrädern ausweichend durch die zähen Massen, die sich durch die Stadt bewegen, zu kämpfen. Cafés oder Restaurants zum draußen sitzen gibt es hier überhaupt nicht, beim essen geht es darum, Nahrungsmittel in den Körper aufzunehmen, die Umgebung zählt ebenso wenig wie der soziale Aspekt. Oft warten im Restaurant schon Leute, die keinen Platz gefunden haben und andere werden aufgefordert, zu gehen, weil sie aufgegessen haben. Ein schöner Ort in Trichy ist die Tempelanlage Sri Rangam, einer der Tempel hat eine Dachterrasse, auf der man ruhig und schattig sitzen kann und einen schönen Ausblick auf die anderen Tempel und die umgebende Grünanlage hat. Insgesamt ist das Freizeitangebot also sehr beschränkt, Marlena und ich schaffen uns aber ganz gut Abhilfe: Wir kochen uns Pudding, den unser Besuch uns mitgebracht hat, leihen uns den Mixer unserer Chefin und machen uns Melonen-, Mango- oder Ananassaft oder -mousse und schreiben Berichte, lesen oder schauen Filme und Serien. Zur Zeit verbringen wir auch viel Zeit im Internetcafé, weil wir recherchieren, wo, was und wann wir studieren wollen.
Letztens hat es geregnet, nach langer Zeit mal wieder ein schöner kühler Regen, den Marlena und ich genossen, bis wir bis auf die Haut nass waren. Danach haben wir geduscht und einen Film geguckt, draußen hatte es sich abgekühlt und es wurde richtig gemütlich.
Jetzt gehe ich ins Internetcafé, um diesen Text hochzuladen, viele Grüße aus Trichy, eure Luise!
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