Donnerstag, 7. Juni 2012

Trip durch den Subkontinent


Das war ein Trip! Am 4. Mai sind Marlena, Caro und ich für unsere Reise in den indischen Norden erstmal in Richtung Chennai aufgebrochen, wo wir uns mit zwei Spaniern trafen, die wir von einem Wochenendtrip nach Pondicherry kannten. Alejandro und Constantino arbeiten vorübergehend in Chennai und leben dort in einem ziemlich luxuriösen Hotel, in welches sie uns einluden. Wir genossen den Pool, ließen uns zum essen einladen und schliefen herrlich in einem riesigen, weichen Hotelbett, bis morgens der Wecker klingelte und wir zum Flughafen fuhren.
Dort bestieg Marlena eine Maschine nach Kolkata, Caro und ich flogen nach  Delhi. Dort kamen wir in einem sehr bescheidenen kleinen Hotel in Old Delhi, dem mittelalterlich wirkenden uralten Stadtteil der Metropole, unter. Wir sahen uns die größte Moschee Indiens an, durften aber als Frauen ohne Begleitung nicht aufs Minarett (was uns als westlich-gleichberechtigungsgewöhnte Frauen erstmal ganz hilflos machte), quatschten also zwei Amerikaner an, die uns mitnahmen, schlenderten über den Markt, aßen frisch gebackenes Nan und sahen uns später den von den Engländern errichteten Connaught Place, eine schicke, europäisch anmutende, moderne Fußgängerzone in New Delhi an.
Dort trafen wir zwei moderne junge Inder, die uns fragten, ob wir noch etwas unternehmen wollen. Also fuhren wir mit der Delhi Metro zum Khan Market, eine Kneipengegend, wo wir, die Europäerinnen, die einzigen in indischer Kleidung waren, tranken Bier und unterhielten uns. Schließlich fällten wir den Entschluss, noch feiern zu gehen, zogen uns um und gingen in einen sehr schicken, neuen, edlen Club, der voll mit modebewussten, modernen, verglichen zu Trichy extrem freizügigen Indern war, Caro und ich konnten es nicht fassen, trinken und feiern in Indien, was wir aus dem Süden so konservativ, prüde und verschlossen kannten, Kulturschock pur! Aber auch vom optischen her waren die Inder in Delhi sehr anders, heller, größer, insgesamt westlicher und oft sehr schick zurechtgemacht, viele unterhielten sich auf englisch statt auf hindi.
Nach diesem Großstadt-Erlebnis ging es für Caro und mich weiter nach Varanasi. Dieser heilige Ort liegt am Ganges, hier pilgern unzählige Menschen hin, um in den Fluten des Flusses Waschungen abzuhalten und an den Burning Ghats brennen rund um die Uhr die Feuer, die die Toten verbrennen, deren Asche später in den Fluss gestreut wird. Neben der religiösen Rituelle ist die Stadt aber auch ein Touristenort, Caro und ich verbrachten die meiste Zeit mit dem Engländer David, der schon seit zehn Jahren halbjährlich in London arbeitet und im Rest des Jahres Indien bereist. Wir besuchten ein Konzert mit traditioneller Musik, schlenderten die Ghats (Ghats sind Treppen, die hinunter zum Fluss führen) entlang, unterhielten uns übers Reisen und genossen die Athmosphäre.
Bald darauf stieß Marlena wieder zu uns und zu dritt ging es weiter nach Agra, wo wir einen Tag blieben und das wunderschöne Taj Mahal besichtigten. Doch so unwirklich und eindrücklich es auch war, dieses so berühmte, imposante Gebäude einmal mit eigenen Augen zu sehen, die Tatsache, dass Inder nur 20 Rs. (~30 Cent), Foreigners aber 750 (~11 Euro)  Rs. Eintritt bezahlen mussten, erstaunte mich im negativen Sinn sehr. Ich hatte schon oft als Ausländerin höhere Eintrittspreise bezahlt, aber ein derartiger Verlust jeglichen Verhältnisses zum „Inder-Preis“ erschien mir doch unangebracht.
Nach Agra ging es weiter nach Jaipur, in die Hauptstadt Rajasthans. Dort trafen wir auf die italienischen Agrarstudenten Carlo und Gabriele, mit denen wir italienisch essen gingen, die Läden durchschlenderten und im Park herumhingen. Unsere nächste Station war dann Pushkar, ein kleines, ziemlich Touri-geprägtes Nest, in dem es dank der Off-Season aber recht ruhig war. Dort trafen wir David wieder, mieteten uns in ein sehr günstiges Hotel mit Pool ein und feierten Marlenas Geburtstag, zu dem Caro und ich ihr einige Kleinigkeiten, einen knallorangenen Turban und eine Kamelsafari schenkten. Wir genossen die ruhige Stimmung in der Stadt, kauften Ledertaschen und ließen uns Schmuck designen und unterhielten uns mit zwei um die Welt reisenden Chilenen bevor wir weiter nach Jaisalmer fuhren.
Dieser Wüstenort liegt nahe der indisch-pakistanischen Grenze und ist komplett sandfarben, richtig wüstig! Hier trafen wir einen japanischen Comic-Zeichner, der uns im Tausch gegen ein Mittagessen alle porträtierte. Nach einem Tag in Jaisalmer brachen wir zur Geburtstags-Kamelsafari durch die Wüste Rajasthans auf. Dieser Trip war unglaublich, Steppe und Sand so weit das Auge reicht, reiten auf schaukelnden Wüstenschiffen, Turbane auf den Köpfen, Chapatti und Gemüse, überm Feuer gekocht, nur notdürftiges Waschen, schlafen unter einem faszinierenden Sternenhimmelszelt, ein wahres Abenteuer! Die einzige Unannehmlichkeit waren die Schmerzen in Beinen und Po, es tat wirklich höllisch weh nach einer Weile!
Nach Jaisalmer fuhren wir nach Udaipur, eine schöne Stadt mit kleinen Gässchen, einem hübschen See und einem reich verzierten alten Stadtpalast. Die meiste Zeit verbrachten wir allerdings in einem Schneider-Laden, mit dessen Besitzer wir uns schnell anfreundeten. Da der Schneider verhältnismäßig teuer war, wollten wir eigentlich nur gucken, dann aber packte uns angesichts der offensichtlich guten Qualität und der Erfahrung, die der Schneider an den Tag legte, die Kaufsucht. Ich ließ mir ein Kleid, eine kurze Hose und einen Mantel machen, alles maßgeschneidert und zu Preisen, die in Deutschland auch bei H&M zu finden wären! Weil wir so viel Zeit dort verbrachten, bekamen wir immer mal einen Chai oder Snacks gebracht und Marlena warb durch Schwärmereien über den Laden viele Leute, die wir trafen, an, unter anderem eine Schweizerin, ein norwegisches Paar, vier Engländer und einen Deutschen. Mit letzteren verbrachten wir die Abende bei uns im Hotel, weil sie unsere Raumnachbarn waren, nette Leute mal wieder!
Nachdem Caro weiter nach Bundi und Marlena nach Mumbai gefahren waren, verbrachte ich einen Tag allein in Udaipur und fuhr dann mit dem Nachtzug, in dem ich stundenlang mit einer netten Engländerin aus Devon, wo ich vor drei Jahren eine Weile war, quatschte, zurück nach Delhi.
Dort traf ich mich erneut mit Caro, wir trafen wieder unsere indischen Freunde und zwei Kanadier, gingen feiern und genossen die Großstadt. Amit, der eine Inder, arbeitet bei einer amerikanischen Modemarke, Juicy Couture, hatte einige Kleidungsstücke übrig und schenkte mir einfach so Schals, Hosen, ein T-Shirt und mehrere Kleider, eins davon im Wert von 450 $! Nach einer mal wieder netten Zeit flog Caro dann zurück in den Süden, ich aber flog allein nach Goa.
Ich wollte die nahegelegene vorgeschichtliche Tempelstadt Hampi besichtigen, die Fahrt dorthin stellte sich aber als etwas kompliziert heraus. Letztlich landete ich in einem Bus, der mich in eine Stadt in der Nähe bringen sollte, es war schon abends. Im Bus waren eher ländliche Leute, ein psychisch wohl gestörtes junges Mädchen bekam von Zeit zu Zeit Anfälle, in denen sie schrie und sich wand, woraufhin die Mutter ihr eine Zitrone an den Kopf hielt, sie anbrüllte und manchmal schlug. Und eben bin ich noch in Delhi gewesen, wo es so modern ist, dachte ich mir.
Da es schon dunkel wurde, machten einige Inder im Bus sich Sorgen um mich, schließlich lud mich ein freundliches, gut englisch sprechendes älteres Ehepaar ein, bei sich zu übernachten. Ich bekam eine Dusche, Dinner und ein Bett. Am nächsten Tag war Streik und es fuhr kein Bus nach Hampi, ich blieb also bei den Leuten in Belgaum. Als ich die Frau auf das Mädchen im Bus ansprach, sagte sie mir, dass die Mutter dachte, ihre Tochter sei von Dämonen besessen und sie deshalb schlüge und dabei dem Dämon zuriefe, er solle aus ihrem Körper weichen. „Uneducated People“ sagte sie und ich fand es wieder einmal so schwer, diese unbeschreiblichen, himmelweiten Unterschiede in diesem Land zwischen extrem reich, protzig, exzellent gebildet, posh und modern und der krassesten, bittersten Armut in einem Leben voller Traditionen und ohne jegliche Aufklärung zu begreifen.
Als ich am Busstand von Belgaum auf den Hampi-Bus wartete, half mir ein junger Inder beim Ticketkauf und gab mir Tips für Hampi und Umgebung. Für ihn war es fast unfassbar und in hohem Maß bewundernswert, dass ich allein ein Jahr in Indien verbringe, erst 20 bin, meine Familie nicht extrem vermisse, ganz allein reise und keine Angst habe, dabei ist all das in Indien so einfach, man bekommt immer Hilfe, wenn man sie braucht und ist nie komplett allein!
In Hampi begegnete ich zwei deutschen Freiwilligen, die mit der Mutter und der Schwester der einen unterwegs waren. Wir gingen zusammen durch die Tempel in der Nähe und ich stellte fest, dass Deutsche nicht gleich Deutsche sind, denn diese Leute kamen aus Bayern, abgesehen von meinen Verständnisschwierigkeiten fand ich auch die Mentalität noch einmal ziemlich anders verglichen mit dem, was ich als „deutsch“ aus Braunschweig und Umgebung kenne. Nach einer Rikshaw-Tour durch die felsige weitere Umgebung Hampis, in der überall verschiedenste Tempel und -ruinen verstreut sind, ließ ich mich mit einem Buch in einem netten Restaurant nieder, wo ich einen Dänen und einen Australier traf. Der Däne, der, wie sich herausstellte, in Pondicherry gearbeitet hatte, dem ich aber mysteriöserweise trotz meiner häufigen Besuche dort nir begegnet war, kam noch mit mein Gepäck holen und wartete mit mir in einem Café, wo wir zwei Schweizer trafen, auf meinen Bus. Die Schweizerin war Saxofonistin und hatte eine Weile in den USA gelebt, wir redeten über das Reisen, die amerikanische Mentalität, die Inder, die sich an Amerika orientieren und kulturelle Unterschiede, es war eine nette Runde. Danach fuhren die Schweizer mit mir in den nahegelegenen Ort Hospet, wo ich sie zu einem indischen Dinner einlud, bevor ich meinen Nachtzug nach Bangalore bestieg.
In Bangalore, der IT-Hauptstadt Indiens, ist es angenehm kühl, es gibt einen wunderschönen Park und ich traf mich mit Guillaume, einem Franzosen, den ich aus Pondi kannte. Bei ihm konnte ich duschen und einen Mittagschlaf halten, der mir nach der langen Zugfahrt guttat. Abends gingen wir mit Guillaumes Arbeitskollegen von Microsoft Pizza essen, das war ein schöner Abschluss meines kurzen Aufenthalts, denn dann musste ich zum Nachtbus, der mich zurück nach Trichy fuhr.
Fazit: Ein fantastischer Trip, ob zu dritt, zu zweit oder allein, eine wunderbare Zeit und Erinnerungen, Eindruecke und Erfahrungen fürs Leben!
Nun bin ich wieder im Projekt, die letzten Wochen brechen an und es geht mit schnellen Schritten auf meine Rückkehr nach Deutschland zu. Ich bin mit Recherchen für mein Studium und dem Heraussuchen von anderen Dingen, die ich machen kann, bis ich zu studieren beginne, beschäftigt denn ich werde in Deutschland Programm haben müssen, um nicht in Fernweh nach Indien unterzugehen, denn obwohl ich nun so viel gesehen habe, will ich so gerne noch mehr reisen, noch mehr erleben, noch mehr Leute treffen und herumkommen. Meine Vorfreude auf die Rückkehr hält sich also in Grenzen, da ich weiß, was mir mit dem Abschied erst einmal für eine traurige Zeit bevorsteht. Denn ob ich je nach Indien zurückkommen werden, weiß ich nicht, so wie es war, wird es ohnehin nicht noch einmal werden, und in Deutschland werde ich mit Sicherheit immer wieder und sehr lange sein.

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