Montag, 23. Januar 2012

Mal hier, mal dort!


Nun ist es bereits bald Halbzeit, deshalb wird es wieder einmal Zeit für einen weiteren Bericht aus Indien!
Bei der schönen, feierlichen und gelungenen Christmas Function in Vadugarpettai führten Marlena und ich ein Krippenspiel in Sign Language mit sowohl nicht behinderten als auch tauben Jungen vor, bei dem ich die Weihnachtsgeschichte als Mutter, die sie ihrem Kind erklärt, vorlas. Die Jungen machten ihre Sache sehr gut und als Marlena im weißen Saree als Engel auftrat und Jesu Geburt auf Tamil verkündete, gab es einen Zwischenbeifall. Danach sagen wir noch mit unseren zum Teil blinden Singing Class Jungs  „Silent Night“ und „Hark The Herald Angels Sing“ vor, was ich auf der Geige begleitete. Nach diesem aufregenden, anstrengenden aber auch sehr feierlichen Tag, an dem die Jungs abends bei lauter Musik noch eine hemmungslose Tanzeinlage starteten, packten Marlena und ich unsere Sachen und zogen nach Trichy in einen Guestroom im Haus des Professors. Es war schön, endlich einen Schrank zu haben, in den man alles einräumen konnte und genau so schön waren auch die Aussichten auf die zwei freien Wochen, die wir vor uns hatten. Am 20. Dezember fuhren wir mit dem Zug Richtung Süd-Westen, nach etwa 10 Stunden Fahrt erreichten wir unser Ziel Trivandrum, die Hauptstadt des Nachberstaates Kerala. Trivandrum ist, wie alle indischen Städte, die ich bisher gesehen habe, laut, stinkend und stressig, deshalb blieben wir nur eine Nacht. Am nächsten Tag machten wir einen Ausflug an den südllichsten Punkt des indischen Subkontinents, Cape Comorin in Kanyakumari. Es war beeindruckend,  die drei dort aufeinanderstoßenden Meere, das arabische Meer, den indischen Ozean und den Golf von Bengalen auf einmal sehen zu können. Anschließend fuhren Marlena und ich nach Kovalam, einen Strandort an der Küste von Kerala. Dort verbrachten wir wunderbare Strandtage, genossen herrliches Essen und lernten einen jungen Dänen mit seiner Mutter, einen Österreicher mit seinem Vater, einen Amerikaner, einen Japaner und zwei Niederländer kennen. Für den 23.-25.12. hatten wir uns etwas gönnen wollen und uns ein etwas teureres Hotel reserviert. Dieses war leider ein absoluter Flop und seinen Preis nicht wert, denn es war, im Gegensatz zu unserem sehr preiswerten Guesthouse, in dem wir die Nächte vorher verbracht hatten, nicht direkt am Strand, der Service war schlecht, das Frühstück enttäuschenderweise indisch (also scharf und würzig) und das Zimmer nicht viel besser als anderswo. Dennoch machten wir uns Heiligabend so schön wie möglich, wir zogen uns für diesen Anlass geschneiderte Kleider aus indischer Seide an und machten uns schick, als dann ein Gewitter aufzog wurde es richtig gemütlich und wir sagen bei Kerzenschein alle Weihnachtslieder, die wir konnten. Dann machten wir uns mit einem Taxi auf den Weg zu dem Strandlokal, bei dem wir ein Christmasdinner bestellt hatten. Bei dem wunderbaren Essen, zu dem Marlena sich einen sündhaft teuren Rotwein und ich mir einen ebenso teuren Weißwein gönnte, holten wir ab und zu unsere Geschenktüte hervor, in die wir alle Geschenke aus den Päckchen, die uns erreicht hatten, gepackt hatten. Mit glänzenden Augen lasen wir uns gegenseitig die Briefe vor und hatten Spaß am Auspacken. Irgendwie hatten wir beide es fertiggebracht, ein Geschenk für den anderen zu besorgen, ohne dass dieser es bemerkt hatte und ich konnte mich über ein Stück dunkelblaue Seide freuen, welche ich am nächsten Tag bei einem Schneider izu einem Kleid verarbeiten ließ.
Wir blieben noch ein wenig länger in Kovalam, als ursprünglich geplant, weil der Strand so wunderbar und das Meer so klar war. Danach machten wir uns, dem Tip des Dänen folgend, auf den Weg nach Varkala, einem weiteren Strandort in der Nähe, an dem allerdings auch mehr junge Reisende waren, weniger die Rentner und Familien, die man in Kovalam treffen konnte.
Wir mieteten uns in einem Guesthouse mit einzelnen Hütten ein, was sich mitten in einem Wald aus Palmen befand. Dort lernten wir einen Israeli aus der Nachbarhütte kennen, mit dem wir die ganzen nächsten Tage verbrachten. Er hieß Rea, war Nightlife-Fotograf aus Tel Aviv und redete mit uns viel über Israel, seine Familie, seine Erfahrungen als Soldat in einer Combat-Position in der Army und seine bisherige Reise durch Indien, die er mit einem im Norden gekauften Motorrad zurückgelegt hatte. Wir verbrachten viel Zeit am Strand, aßen leckeres Essen in den Strandlokalen und schlenderten durch die Läden. Als wir am 30.12. nach Pondicherry aufbrechen wollten, weil wir geplant hatten, dort zu einer Silvester-Poolparty zu gehen, erzählte uns die Dame im Reisebüro, dass dort ein Cyclon wüte, die Stadt verwüstet sei und Bäume entwurzelt und Menschen umgekommen seien. Wir entschieden uns also, Silvester in Varkala zu bleiben. Den Plan, wie die anderen Freiwilligen nach Goa zu fahren, hatten wir längst verworfen, weil uns viele erzählt hatten, dass es dort Silvester nur überfüllt, teuer und anstrengend sei.
Wir feierten also mit Rea, einer Gruppe von Spaniern aus Madrid und zwei Schweden, die aber spanische Muttersprachler waren, die wir kennengelernt hatten. Gemeinsam aßen wir in einem schönen Restaurant, ich, die der schönen spanischen Sprache leider nicht mächtig ist, freute mich über alle Gespräche, die ich auf meinen Französischkenntnissen aufbauend verstand und ließ mir auch gerne ein bisschen beibringen.
Als sich Mitternach näherte folgten wir der spanischen Tradition, indem wir uns in den letzten zwölf Sekunden vor dem Jahreswechsel pro Sekunde eine Traube in den Mund steckten. Danach darf man sich etwas wünschen, was natürlich geheim bleiben muss, um in Erfüllung zu gehen.
Auch wenn es in Varkala eher ruhig war, gab es immerhin ein kleines Feuerwerk und wir wünschten uns alle gegenseitig ein Frohes Neues. Auch Rea, der als Jude das neue Jahr eigentlich nicht groß feiert, wünschte allen überschwänglich ein „Happy New Yeaaaar!“.
Anschließend gingen wir zu einer kleinen Party, wo Rea und ich tanzten, während Marlena die Gelegenheit zum spanisch sprechen bei den Spaniern am Tisch sitzend nutzte.
Nachdem Marlena und ich nach Trichy zurückgekehrt waren, begannen wir mit unserer Tätigkeit in der Holy Angel Nursery and Primary School. Die Schule ist für Kinder von 2 bis 11, hat drei Kindergartenklassen und geht einzügig bis zur 5ten. Zunächst sah es so aus, als könne ich die Tätigkeit von zwei niederländischen Musikstudentinnen, die eine Art Musiktherapie für die Special Need Children anboten, übernehmen, weil die Studentinnen Ende Januar wieder abreisen. Nachdem ich mir bereits genau angesehen hatte, was sie machen und mitgemacht und mir Notizen gemacht hatte, teilte mir meine Chefin nebenbei im Gespräch mit, dass es nicht möglich sei, dies so weiter zu führen, da die Kinder, wenn sie aus dem Unterricht zu den Musikstunden gehen, den Stoff der Klasse verpassen. Sie ließ mich also einmal am Tag eine Viertelstunde in der 4. Klasse Geschichten erzählen, was mir und den Kindern viel Spaß macht, mein Englisch verbessert und das Hörverständnis der Viertklässler fördert. Ansonsten soll ich in allen Klassen Englisch Lese- und Ausspracheübungen machen, weil meine Chefin von meiner Englisch-Aussprache absolut überzeugt ist und sowohl die Kinder als auch die Lehrer einen sehr starken Indian English Accent haben. Bisher war ich allerdings meistens in den Kindergartenklassen, dort macht es auch Spaß, mit den Kleinen ein bisschen zu spielen und zu albern, auch wenn sie kein Wort Englisch können.
Am Pongal-Festival, einem tamilischen Fest, hatten wir ein verlängertes Wochenende frei und nutzten die Gelegenheit, mal wieder nach Pondicherry zu fahren. Unsere Kontakte dort, ein Brite mit seiner kleinen Tochter, ein israelischer Schriftsteller, ein unglaublich guter Gitarrist aus Frankreich, aber mit indischen Wurzeln und zum Teil aufgewachsen in der Karibik, ein deutscher Architekt, ein isländischer Aurovillianer und seine kleine Tochter, zwei nette Inder aus Kolkata und einige Franzosen, die wir vom sehen kennen, freuen sich jedes Mal wieder, uns zu begegnen. Außerdem kommen immer neue Kontakte hinzu und wir haben jedes Mal wieder eine so schöne Zeit, dass wir Angst haben, der nächste Besuch könnte enttäuschend sein, was aber bisher nie der Fall war.
Nun, wieder in Trichy, kommt langsam Routine ins Alltagsleben. Dinge wie kalte Duschen, Wäsche mit kaltem Wasser von Hand waschen, Geckos und Mücken im Zimmer und gaffende oder kichernde Inder sind längst normal geworden.
Auch wenn wir in der Hütte in Varkala zweimal von einer mindestens untertassengroßen Spinne überrascht wurden, von der eine nach dem Schrei „REA, Spider-Alarm!“ von Rea im Bad mit Hilfe von Deo und Feuerzeug erlegt wurde und auch wenn uns abends letztens ein Inder auf einem Moped in unsere Straße folgte, einige Meter vor uns umdrehte und beim Zurückfahren plötzlich seinen Arm ausstreckte und mir, die nichts ahnte, voll an die Brüste griff, auch wenn ich oft an die schönen Seiten des Lebens in Deutschland denke – ich werde hier so vieles vermissen, wenn ich zurück bin, ich werde mit so viel Wehmut an die wunderbare Zeit zurückdenken und ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr tendenziell sage „Irgendwie wird die Zeit schon rumgehen und ich freue mich schon so aufs Zurückkommen“ sondern an dem ich nur noch sage „Ich kann jetzt schon auf so viel Schönes in Indien zurückblicken, ich will und muss die Zeit hier unbedingt noch mehr genießen und auskosten!“



Jeder Dämmerung
Wohnt Magie inne,
Getaucht in rotes Leuchten.

Jeder Tag
Offenbart etwas Neues,
Was doch schon vertraut erscheint.

Jeder Abend
Verbirgt einen Hauch Wehmut,
Gepolstert von Wohlbefinden.

Jede Nacht
Lassen mich die Träume fliegen,
ans andere Ende der Erde.

Jeder Morgen
Ist real und surreal,
beides gleichzeitig.

Jeder Gedanke
wird mehrdimensional,
in so viel verschiedener Hinsicht.

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