Nun sind bald die ersten vier Monate meines Aufenthaltes vorbei, da wird es mal wieder Zeit, ein wenig zu berichten.
Nach weiteren wenig ereignisreichen Wochen im Dorf versuchten wir erneut, nach Trichy zu wechseln, um neue und mehr Aufgaben zu bekommen. Dies war aber aus raumtechnischen Gründen nicht mehr möglich, da kurz zuvor vier niederländische Pädagogikstudenten angekommen waren, die nun in unserem Zimmer in Trichy untergebracht waren. Immerhin konnten wir erreichen, dass wir an zwei Tagen in der Woche den Tag über in einem Projekt für geistig behinderte Jugendliche arbeiten konnten, was eine sehr wilkommene Abwechslung für mich war. Tatsächlich merkte ich nach dieser Arbeit auch mal, dass ich richtig angestrengt war und ich genoss das Gefühl, mal wieder ausgelastet zu sein. Im Dorf kam auch wieder ein wenig neue Arbeit auf uns zu, denn die Weihnachtsfeier naht. Marlena und ich suchten verschiedene Bastel-Ideen zusammen und besorgten mit unserer Chefin das notwendige Material.
Eine Woche im November verlebte ich dann allerdings in Tranquebar, einem Dorf an der Ostküste, weil dort ein Zwischenseminar der deutschen Freiwilligen aus Tamil Nadu stattfand. Das Wochenende zuvor verbrachten Marlena, Jonathan und ich in Mamallapuram, einem touristisch geprägten Ort an der Küste, wo wir wunderbares Essen, Sonne, Strand, Meer und eine Massage genossen. Beim anschließend stattfindenden Seminar tat es gut, mal wieder unter Deutschen zu sein, Eindrücke, Ideen und Gefühle zu reflektieren und auszutauschen und mit unserer Mentorin Ute Penzel über die schwierige Arbeitssituation im Dorf zu sprechen.
Ute, die Professor Prabakar, der mittlerweile aus den USA zurückgekehrt ist, schon lange kennt, verabredete ein Meeting mit ihm, seiner Frau und unserer Chefin aus Vadugarpet. Bei diesem Treffen verabredeten wir, dass Marlena und ich bis zur Weihnachtsfeier am 18.12. im Dorf bleiben sollen, um dort das Krippenspiel, die Dekoration fürs gesamte Haus, die Lieder und Weihnachtsgedichte vorzubereiten. Nach den dann folgenden Weihnachtsferien werden wir nach Trichy wechseln und in einer englischen Grundschule arbeiten können. Diese Aussichten auf einen geregelten Arbeitsalltag machen mich sehr zuversichtlich!
Dennoch bin ich im Moment immer mal wieder in einer wehmütigen Stimmung, da bei den sich kaum ändernden Temperaturen von immer noch etwa 25 °C bei mir nicht so richtig Adventsstimmung aufkommen will. Die kalte Jahreszeit in Europa ermöglicht eine Gemütlichkeit, die es hier einfach nicht gibt.
Auch merke ich immer mehr, dass ich einige Freiheiten, die in Deutschland selbstverständlich sind, ziemlich vermisse. Der viel lockerere Umgang mit Menschen, so etwas wie ausgehen und natürlich das vielfältigere Essen sind Aspekte im deutschen Alltagsleben, die hier nicht auslebbar sind. Zudem gibt es hier noch die unangenehmen Blicke einigen Männer, von denen ich weiß, was sie von weißen Frauen denken, die Einschränkung, keine Kleidung der eigenen Wahl anziehen zu können, die Vermeidung von Augenkontakt mit allen männlichen Wesen, das manchmal nicht genau Wissen, ob der Mann im Bus so dicht neben einem stehen muss, weil sonst kein Platz ist, oder ob er es aus anderen Gründen tut, das Wissen, dass es so gut wie nur arrangierte Hochzeiten gibt und die ständige Erkenntnis, das auf den Straßen viel mehr Männer als Frauen zu sehen sind, und dies macht mich manchmal genervt, traurig oder einfach wütend.
Ein weiterer Punkt, der mir hier weiterhin Schwierigkeiten bereitet, ist der Müll. Überall ist Müll, sowohl auf stinkenden Haufen am Straßenrand, die von Zeit zu Zeit angezündet werden und dann einen beißenden Rauch verbreiten, als auch überall verstreut auf jeder freien Fläche, als auch in den grünlich-bläulichen Rinnsalen aus Abwasser, die in Rillen am Straßenrand stinkend vor sich hin fließen. Wäre es bloß der Gestank und der Anblick, hätte ich keine Probleme damit, aber das Wissen, dass die Menschenmassen in diesem Land immer mehr von dem umweltverpestenden Dreck in die Gegend schmeißen, es kein Recycle-System gibt und man alles in Einzel- und Doppelverpackungen plus Plastiktüte kaufen muss, tut mir weh, weil Umweltschutz, wie wir alle wissen, für die ganze Welt ein Thema von höchster Priorität sein sollte.
Ich weise, allein um mein Gewissen zu beruhigen, nun immer die Plastiktüten zurück und packe alles in meinen Rucksack. Doch die Leute hier, die vor wenigen Jahrzehnten noch gar kein Plastik hatten, schmeißen jeglichen Müll auch im Zug einfach aus dem Fenster. Dies hatte früher einen Sinn, denn die überall frei herumlaufenden Nutztiere, Kühe, Ziegen , Hühner und Schweine, fraßen die Essensreste dann auf, aber seit die westliche Welt Indien mit einer Flut von Plastikverpackungen überschwemmt hat, türmen sich die Reste überall. Nicht einmal Flaschenpfand gibt es, und wem gehören wohl die beiden wichtigsten Flaschen-Trinkwassermarken Kinley und Aquafina? Natürlich, Coca-Cola und Pepsico.
Bei einem Betriebsausflug der Holy Cross sah ich allerdings immerhin Windräder im Flachland stehen, was mir ein wenig Hoffnung machte, nachdem ich ein anderes Mal ein Atomkraftwerk aus dem Zug gesehen hatte, was mir, als ich an indische Ordnungs- und Sicherheitssauffassung dachte, einen Schauer über den Rücken gejagt hatte.
Soweit für dieses Mal, ich wünsche allen eine wunderbare, gemütliche Advents- und Weihnachtszeit!
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